Historische Spuren auf der Halbinsel Wustrow - Teil 1

Die Landschaften entlang der Ostseeküste waren immer schon nicht nur ein Lebensraum oder beliebtes Reiseziel für die ersten Bädertouristen, sondern aufgrund ihrer exponierten Lage auch ein politisch interessantes Gebiet. Davon zeugen viele historische Spuren, die heute besichtigt werden können und von wechselvollen Zeiten berichten. „An ihren Nehrungen, Bodden und Haffs befinden sich daher nicht nur Badehotels und Seebrücken, sondern auch einige geheime Orte, die oft viele Jahrzehnte lang kein Normalsterblicher betreten durfte“ - so heißt es in dem Buch „Die verbotene Halbinsel Wustrow“ von Edelgard und Klaus Feiler. In einer dreiteiligen Serie möchten wir uns dieser besonderen Insel ein bisschen nähern, die zwar nur wenige Kilometer von der Touristenhochburg Kühlungsborn entfernt liegt, für Besucher aber lange Zeit nicht zu betreten war.

Sehr friedlich begann die Geschichte dieser Halbinsel im 13. Jahrhundert. Die erste urkundliche Erwähnung findet sich im Stadtbuch von Wismar, und als Besitzer der Ländereien ist Anfang des 14. Jh. die Familie von Moltke, später die Gutsfamilie von Oertzen bekannt. Ein Grabstein der Eheleute Vicke und Adelheid von Oertzen findet sich bis heute in der Reriker Kirche. Fischerei und Landwirtschaft waren die wesentlichen Erwerbszweige jener Zeit, und auf der Landzunge „Wustrower Hals“ wurde nach 1514 mit herzoglichem Recht sogar eine Holzwindmühle errichtet. Die große Sturmflut von 1625 traf Wustrow besonders schwer und überschwemmte schließlich das fruchtbare Land der gesamten Halbinsel. Viele weitere Besitzer und Besitzerwechsel gab es in den folgenden Jahrhunderten, die mit Wismar zusammenhängende schwedische oder dänische Herrschaft, eine große Choleraepidemie und die zweite schwere Sturmflut 1872. Diese trennte die natürliche Landverbindung, so dass später ein künstlicher Deich errichtet werden musste. Bis 1933 wohnte die Besitzerfamilie von Plessen im Gutshaus, welches ungefähr in der Mitte der Halbinsel lag, und betrieb auf den umgebenden Feldern Landwirtschaft.

Im selben Jahr wurde das gesamte Gut für 1,4 Millionen Mark offiziell von der Reichswehr käuflich erworben und im Verlauf der folgenden Zeit und des 2. Weltkrieges zur größten Ausbildungsstelle der deutschen Flakartillerie ausgebaut. Die Errichtung einer Luftwaffe sowie Luftabwehr gegnerischer Flugzeuge war von besonderer Bedeutung für die nationalsozialistischen Kriegspläne. Aufgrund der topographisch interessanten Lage konnten auf Wustrow unter einige Geheimhaltung Aufrüstungs- sowie militärische Übungspläne verfolgt werden. Soldaten aus allen Teilen Deutschlands wurden ab April 1934 an den Flak-Geschützen in mehrwöchigen Lehrgängen ausgebildet. Die offizielle Indienststellung des Luftwaffenübungsplatzes und der Flakartillerieschule Wustrow erfolgte im März 1935. Auf dem Militärgelände wohnten hauptsächlich Soldaten, Offiziere und die Offiziersfamilien. Die Geschicke der Flakartillerieschule unterstanden einer Kommandantur vor Ort sowie der Heeresverwaltung, die kontinuierlich umbaute und erweiterte, so dass schließlich in den neu errichteten Kasernen, Wohnhäusern, auf den Schießplätzen und drei Flugzeughangars Platz war für mehrere Tausend Soldaten. 1937 standen bereits 180 Gebäude auf der Halbinsel: Unter anderem auch das seinerzeit modernste Hallenschwimmbad Deutschlands (offen auch für die Zivilbevölkerung), Tennisplätze, die Turnhalle und sogar ein eigenes Kaufhaus. 1936 statteten Hermann Göring als Oberbefehlshaber der Luftwaffe und Adolf Hitler dem Standort einen offiziellen Besuch ab, im September 1937 Hitler und der italienische Machthaber Mussolini. Der spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt war zeitweilig auf Wustrow als Ausbilder stationiert.




     

Ihr Kommentar zum Thema:





« Zurück    Startseite ·  © Kühlungsborner Magazin 2017 Sitemap · Kontakt · Bildnachweise · Impressum